Südliche Front Holland, Freitag 15. Februar 2008
Die tatsächliche Quelle von Fabeln und Hirngespinsten zu entdecken ist oft schwierig, sicher ist aber, dass (Geschichts-)Schreiber oft vergessen Nachforschungen an zu stellen nach der Quelle anzustellen um dann ohne zu zweifeln schnell das zu kopieren, was jemand anderes sozusagen „untersucht“ hat. So entstehen hartnäckige Mythen.

In Bezug auf die „Maitage“ existieren einige verbissene Mythen und fantastische Geschichten, wovon ein Teil ziemlich allgemein und ein anderer Teil (wie zum Beispiel: „Sand in Munitionskisten“ und „sabotierte Munition“) auf eine Person bezogen ist. Die zweite Kategorie lässt sich schwieriger entkräften, nicht zuletzt weil sowohl Beteiligte wie auch die betreffende Person oft nicht mehr am Leben sind. Entkräften bedeutet nicht an erster Stelle, dass es sich um eine offenkundige Lüge handelt sondern eher – in Bezug auf den Schreiber –  entkräften deutet mehr darauf hin, dass eine nachweisbare Fachforschung oder zumindest etwas annähernd daran, stattgefunden hat.

Zwei markante Beispiele „mythischer“ Geschehnisse bezüglich einer Person im Rahmen dieser Nachforschungen nach den Ereignissen in Bezug auf die Südfront im Mai 1940 sind die bezüglich dem Kasernierungskommandant in Dordrecht – Oberst Mussert – und dem angeblich in Moerdijk gelandeten Oberleutnant Fritz Lamm. Letzterer ist es, um den es im folgenden Text geht.

Lamm ist ein „Geisterleutnant“, der in der Geschichte über Moerdijk auftaucht. Der Autor stellt – unterstützt durch verschiedene Personen – Nachforschungen an. Die Nachforschungen sind inzwischen fast beendet.  Man hat sich im folgenden Artikel bewusst dazu entschieden einen Teil  der langsam fortschreitenden Entwicklungen – um sich ein Bild davon machen zu können – zu erhalten.

Ein Geisterleutnant
Schon während des Krieges wurde das Gerücht verbreitet, dass in Moerdijk ein deutscher Offizier am 10. Mai gelandet war, der bis kurz davor in der direkten Umgebung gewohnt und gearbeitet hatte. Dieser Mann war Anführer einer Gruppe Deutscher gewesen, die das Dorf Moerdijk einnehmen sollten. Fast zufriedenstellend konnte diese Geschichte mit dem Ende, dass er durch niederländisches Feuer auf dem Steenweg im Dorf umgekommen war, abgeschlossen werden. Eine Art „Untreue schlägt den eigenen Herrn“ Note steckt jedenfalls wohl in der Überlieferung der Geschichte.

„De Militaire Spectator“ [Ausgabe 1956] veröffentlichte die Geschichte als integrierten Teil der Geschehnisse im Bruggenhoofd Moerdijk. Unzählige andere Medien übernahmen die Geschichte nur allzu gerne. Verräter-Geschichten verkauften sich nach dem Krieg wie warme Brötchen, weil es den Schmerz der weniger ruhmreichen Tage im Mai 1940 milderte. Und auch eine damals schon renommierte Zeitschrift wie der „Elsevier“ übernahm die Geschichte sang- und klanglos. Bevor es jeder wusste, war es schon eine Tatsache, dass der Fall in Moerdijk „verraten“ worden war. „Fritz Lamm aus Zwartenberg – Anführer der Moerdijker Fallschirmspringer“. 1948 hatte ein ehemaliger Stabschef der Gruppe Kil Clameijer schon vor der Kommission erklärt, dass u.a die Infrastruktur bei Moerdijk durch „Oberleutnant Lamm“ angelegt wurde und dass außerdem die örtlichen Bewohner den Bataillons-Kommandanten als einen Bekannten ansahen. „Der kam früher öfters mal vorbei geradelt…“

Dieser Fritz Lamm hatte im Dörfchen Langeweg gewohnt – das meldete der „MS“. Das aber schien schon nicht zu stimmen, denn es handelte sich um das nahe gelegene Örtchen Zwartenberg, in der näheren Umgebung von Zevenbergen. Lamm hatte seit 1924 in der näheren Umgebung gewohnt, weil er dem aussichtslosen Deutschland den Rücken zugekehrt hatte und nach Versailles geflohen war. An sich nichts Neues, denn tausende deutsche Männer taten dergleichen und wiederum Tausende wurden bewusst eingesetzt, sodass die emigrierte deutsche Industrie in Betrieb blieb. Lamm hatte Berichten zufolge auch im ersten Weltkrieg für sein Vaterland gekämpft. Als er 1924 in die Niederlande kam, tauchte er in der anonymen Arbeiterklasse unter und hatte eine uninteressante Arbeit in einer Sägerei, die er 1938 kündigte. Er sah wieder Möglichkeiten in Deutschland und zog mit seiner niederländischen Frau und fünf Kindern nach Düsseldorf.

Berichten zufolge war der Mann nicht sehr sympathisch und verkündete in den letzten Jahren bevor er wegzog, ab und zu nationalsozialistische Ideen. Mit Nachbarn hatte er noch einige Zeit Kontakt gehalten und sie sagten, dass er sie nach Düsseldorf eingeladen hätte. Alte Bekannte schilderten ihn, besonders als Offizier, geeignet zu sein. Er wäre ja immer ein „herrschsüchtiger Mensch“ gewesen. Er wurde auch „Der Preuße“ genannt wegen seines herrisch dominanten Wesens. Es soll auch örtliche Klassenkameraden seines ältesten Sohnes gegeben haben, die die Existenz von Lamm in Zwartenberg bestätigten und sogar meldeten, daß sein ältester Sohn als „Angehöriger“ der deutschen Wehrmacht ab und zu auf Besuch war. Damals soll es eine Meldung gegeben haben, dass der Vater an einem Maitag ums Leben gekommen sein soll. Sollte das die ursprüngliche Quelle sein?

Dieser Lamm kam laut den Berichten am 10. Mai 1940 als Oberleutnant der Reserve zurück. Es hieß, dass er nahe Moerdijk gelandet und der Chef einer Kampftruppe gewesen sein soll, die die Aufgabe hatte, Moerdijk einzunehmen. Das Dorf, in dem er jeden Weg und jedes Haus kannte. Theatralisch wird in dieser Geschichte die Schlußfolgerung gezogen, dass er das Land verraten hätte, das ihm Brot und Frau gab. Und das er, als er durch eine niederländische Kugel fiel, einige seiner Kameraden mit in den Tod nahm.

Den Geist entlarvt?
Auf den ersten Blick hört sich die Geschichte ganz plausibel an und mit Sicherheit gab es in der damaligen Zeit dafür genug Zuhörer. Aber der erfahrene Leser – der sich nicht so schnell einen Bären aufbinden lässt – entwirrt ziemlich schnell einige Dinge, die sich mit der Glaubwürdigkeit nicht vereinbaren lassen.

Lamm soll ein Oberleutnant der Reserve gewesen sein. Wenn das wirklich so gewesen wäre, ist es merkwürdig, dass er nicht eher nach Deutschland zurückgekehrt ist. Ab 1936 waren Reservisten sehr gefragt, um die neue Wehrmacht ins Leben zu rufen, im Besonderen Unteroffiziere und Offiziere mit Kriegserfahrung aus dem vorigen Krieg. Lamm bekam scheinbar nie eine Aufforderung, zu repatriieren. Das ist erklärbar, wenn er nicht als Reichsdeutscher, sondern als Niederländer registriert war. In diesem Fall wäre er neutralisiert und deshalb seinen Titel als Reservist los gewesen. Möglicherweise also erneut zugelassen? Wer weiß.

Viel auffälliger ist aber, dass Lamm 1940 schon um die 40 Jahre alt gewesen sein muss, rein aus der Tatsache heraus, dass er schon im ersten Weltkrieg gedient haben soll. Und jemand in seinem Alter bekam die Truppenfunktion als  Fallschirmjäger nicht mehr. Die Einheit bestand aus jungen topfitten Soldaten, Unteroffizieren und Subalternoffizieren. Das schließt nicht unbedingt aus, dass Lamm dem Stab als Spezialist des ersten Regiments oder dem zweiten Bataillon dieses Regiments hinzugefügt wurde und deshalb mit Rat und Tat zur Seite stand. Ihm wird in dieser Geschichte allerdings die Rolle des Kampfgruppen-Kommandanten untergeschoben. Das ist kaum anzunehmen aber auch nicht ausgeschlossen.

Die Aufzeichnungen der 7. Kompanie II. Bataillon, 1. Regiment der Fallschirmjäger sind allerdings sehr genau bei der Beschreibung der Geschehnisse um Moerdijk. Der Ordnung halber muss gesagt werden, dass die 7. und 8. Kompanie südlich der Brücke landeten. Beide wurden beauftragt, dieses für das Kriegstagebuch zu protokollieren. Daraus sind dem Autor die Aufzeichnungen von 7./FJR1 bekannt. Darin wird von allen Zugkommandanten mit Rang und Namen berichtet, wie auch deren Einsatz. Auffällig ist in dem Bericht, dass Leutnant Lemm  – Kampfgruppenführer innerhalb des 7./FJR1 – das Sagen hatte über eine kleine Ausfallstruppe, die das Dorf Moerdijk einnehmen mussten. Der Bericht sagt wortwörtlich Folgendes:

„Eine Kampfgruppe, bestehend aus dem Kp.-Trupp, den Zug- und Granatwerfer-Truppen der I. und II. Züge unter Führung von Lt.Lemm hatte zusammen mit einem Zug der 8. Kp, Oblt. Schwarzmann, in den Ort Moerdijk einzudringen, Widerstand zu brechen und den Ort zu besetzen. (…) Die Kampfgruppe Lt.Lemm wurde durch schlechtes Absetzen sehr zerrig. Einer von Lt.Lemm auf die Häuser südlich Moerdijk ausgesandter Spähtrupp, stellte dort Feind, Stärke 60-80 Mann, in aufgebauten Stellungen fest. Die Kampfgruppe Lt.Lemm drang in kleinem Trupp in Moerdijk ein, überwand am Ostrand schwächeren Feind, nahm 3 Offiziere und 20 Mann in den Häusern, z.T. noch nicht vollständig ausgezogen, gefangen. (…) Lt. Lemm wurde von einem Gendarmerie Posten durch Pistolenschuss aus dem Hinterhalt getötet. (…)“

Kein Wort von Oberleutnant Fritz Lamm, wohl aber von Leutnant Dietrich Lemm. Zufällig fallen die Rollen der beiden Deutschen vollkommen zusammen, mit Ausnahme des Ranges, des Vornamens und des Nachnamens, obwohl die Nachnamen einander sehr gleichen. Auffällig ist außerdem, dass die Rollen von Lamm und Lemm vollkommen deckungsgleich sind. Beide sind tatsächlich Befehlsführer der Anfallstruppe Moerdijk und beide sind die einzigen deutschen Offiziere, welche auf dem Steenweg gefallen sind. Tatsächlich waren beide Kommandant der Ausfalltruppe Moerdijk und beide sind laut der offiziellen Eintragung im Sterberegister unabhängig voneinander als einzige deutsche Offiziere auf dem Steenweg gefallen.

Aber die Geschichte geht weiter. Dem deutschen Verein der Weltkriegsopfer, welche Standorte von deutschen Kriegsgräbern registriert wie auch dem Volksbund, ist Oberleutnant Fritz Lamm nicht bekannt. Auch auf der Vermisstenliste steht dieser Mann nicht. Wohl aufgeführt und registriert ist der Name – (mit den gesamten Personalien) – von Leutnant Dietrich Lamm. Gefallen in Moerdijk am 10. Mai 1940. Übrigens bekommt man bei der Nachfrage nach Oberleutnant Lamm einen “hit” beim Kriegsgräber Register. Aber nach einer Überprüfung stellt sich heraus, dass die Daten der Registrierung einzig und alleine aus den Niederlanden von einem Kriegshistoriker stammen, die sich auf…die Geschichte aus der MS („De Militaire Spectator“) stützt.

Es ist an sich nicht so merkwürdig, dass ein Name fehlt. Auch Obergefreiter Fischer ist nicht bei den Moerdijker Opfern. Übrigens ist auch er aufgrund der niederländischen Daten als Gefallener gemeldet. Identifiziert in und durch die Gemeinde Lage Zwaluwe. Das Fehlen eines Offiziers im Mai 1940 ist allerdings ungewöhnlicher, obwohl das auch des Öfteren vorkommt. Gleichzeitig muss gesagt werden, dass die Gefallenen des Brückenwiderlagers Moerdijk – beiderseits – fast alle im Klostergarten von Moerdijk beerdigt wurden. Die deutschen Toten im Dorf Moerdijk sind im wahrsten Sinne des Wortes an der Grenze zum Ehrenfriedhof gefallen. Es wäre sehr verwunderlich, wenn da im Bezug auf die Registrierung Fehler gemacht wurden. Aber ausschließen kann man das allerdings nicht.

Geistergeschichte bekräftigt
Es machen nachkrieglich noch mehr Geschichten die Runde, die den „Geisterleutnant“ Lamm zu einer realen Person befördern.

Wie schon gesagt wurde, hatte der ehemalige Stabschef Calmeijer 1948 der Kommission leidenschaftlich Kund getan in Bezug auf die Rolle eines Oberleutnant Lamm und des deutschen Batallionskommandanten. Dass Calmeijer nicht als Augenzeuge berichtete, mag dem Leser sofort deutlich sein. Die Überlieferung wird ihn in den Kriegsjahren erreicht haben.

Im öffentlichen Bereich war J.J.C.P. Wilson – in den Maitagen Einsatzchef auf dem AHK – mit seiner 1960 erschienenen Veröffentlichung „Fünf Tage Krieg und ihre zwanzigjährige Vorgeschichte“ ein Trendsetter. Ihm voraus ging der „Militaire Spectator“, der schon 1956 beim Militär die Geschichte Lamm weltweit kundig machte.

Örtlicher Autor Jan Buitkamp schrieb im „Moerdijk Mei 1940“ eine anekdotische Geschichte über die Erlebnisse des Oberleutnant Lamm. Wie der sich vor dem Krieg mit Oberleutnant Pagels [C-7./FJR1] betrunken hatte und anschließend eine detaillierte Geschichte über die Geschehnisse im Mai 1940 in und um Moerdijk herum mit Lamm als einen der Hauptdarsteller zum Besten gab. Obwohl die Geschichte einige Kernpunkte behandelt, die zu beweisen (wahr) sind, beinhaltet sie auch viele sachliche Fehler und Mängel. Niederländische Soldaten, die gefallen sein sollen, aber nicht sind werden vermeldet, falsche Ränge, Rechtschreibfehler der Namen, usw. Buitkamp hat auch eine andere Theorie in Bezug auf die Ereignisse in den Straßen von Moerdijk. Lamm war auf einmal ein Kompanieführer und so meint Buitkamp mit Sicherheit zu wissen, dass die niederländischen Kriegsgefangenen durch die Deutschen als Schild vorangetrieben wurden. Eine Tatsache, die nicht als Solche durch Kriegsberichte desselben niederländischen Militärs bestätigt wird, obwohl diese wiederum nicht besonders konsistent sind. In Bezug darauf behauptet Buitkamp dass die niederländischen Soldaten den Befehl erhielten, den Pontonieren den Auftrag zu erteilen, ihre Waffen zu ziehen, was aber die Niederländer geweigert haben sollen.  Dieses (letzte) ist wiederum nicht konsistent, denn die niederländischen Offiziere bestätigen nun gerade wieder, dass mit Sicherheit zwei von den Ihrigen – nacheinander – mit lautem Gerufe die Pontoniere versuchten zu überfahren. Während des Kampfes mit den Pontonieren, wobei mittlerweile einige Kriegsgefangene getroffen wurden, tauchte allem Anschein nach der Grenzschutz auf. Erst spät während der Auseinandersetzung tauchte Lamm wieder auf. Jetzt erst wurde er durch niederländische Gegner getötet. Gemäß Buitkamp…

Letzteres ist in Bezug auf alle Berichte vollkommen zweifelhaft, einschließlich des Deutschen. Der deutsche Bericht meldete den Tod von Lamm, bevor die Pontoniere auf der Bildfläche erschienen, welches mit den niederländischen Berichten übereinstimmt. Diese geben nämlich an, dass es genau der Tod des deutschen Kommandanten vor Ort war, der die Deutschen rasend machte und sie anstiftete, um sich den Kriegsgefangen gegenüber ungeregelt zu verhalten. Buitkamp geht aber weiter und berichtet dann, dass erst nach der Übergabe der Pontoniere beide Grenzschützer den Kampf beendeten. Nicht folgerichtig in Bezug auf alle niederländischen Berichte. Beide Grenzschützer wurden daraufhin durch die Deutschen mit einer Handgranate exekutiert. Sie mussten fliehen und man warf ihnen eine Handgranate hinterher. Diese tötete Van der Werken, einen der Beiden. Eine Geschichte, die durch keinen einzigen niederländischen Bericht unterstützt wird. Wobei solch eine Aktion doch bei jedem Abscheu hätte wecken können oder müssen? Wohl wurde berichtet, daß deutsche Handgranaten durch die Pontoniere zurückgeworfen wurden, die sich aber laut Buitkamp schon ergeben hatten, als van der Werken fiel. Kapitän Adriaansen wurde wohl durch eine derartige Granate verwundet. Es ist merkwürdig, dass keiner der niederländischen Anwesenden Buitkamps Ansicht bekräftigt. Kann man dann dem Rest des Berichtes Bedeutung beimessen? Was den Autor angeht, vorläufig wenig. Die Geschichte von Buitkamp beinhaltet viele schlampige Fehler [Namen, Ränge, Posten, Gefallene], was auf Ungenauigkeit schließen lässt. Allerdings ist es so verbissen in Bezug auf Oberleutnant Lamm geschrieben…Was war die Quelle von Buitkamp???

Eine noch fantasiereichere Geschichte rund um Lamm kommt von einem Korporal, der bei 13.Bt.LuA war und kurz vor den Maitagen zum 19.Bt.LuA kam, B.C. Dresens. Diese Geschichte landete bei dessen Autor durch Pim Monné. Er – Dresens – sollte eine neue Hilfe beim Höhenkodierer einarbeiten. Demzufolge kam er am 12. April 1940 in die Batterie. Dresens schreibt in seinen Memoiren, dass er am 7. Mai 1940 im Büro des ersten Leutnants von Teeckelenburg stand, als er durchs Fenster schaute und sah, wie ein Mann Aufzeichnungen bei dem Barackenlager machte. Er informierte augenblicklich den ihm gegenübersitzenden Leutnant, welcher wiederum den KMAR, am naheliegenden Steenweg, telefonisch alarmierte. Die nahmen den betreffenden Mann gefangen und der Wachtmeister des KMAR informierte sie darüber, dass dieser bewusste Mann ein Deutscher war, der lange nahe Moerdijk gewohnt hatte, im Örtchen Langeweg. Dresens brachte das in seinem Buch nachdrücklich mit Oberleutnant Lamm in Verbindung. Eine Geschichte, die er aus „De Militaire Spectator“ kannte.

Nun kann diese letzte Geschichte – dem Autor zufolge – ruhigen Herzens ins Land der Fabeln verbannt werden. Wenn tatsächlich der Oberleutnant am 7. Mai gefangen genommen worden (es herrschte die höchste Stufe der Kampfbereitschaft bis zum 9.Mai) dann wäre er nie mit einem Fallschirm bei Moerdijk gelandet. Denn es ist äußerst unwahrscheinlich, dass dieser Mann  freigelassen wurde in einem Zeitraum, indem die höchste Stufe der Kampfbereitschaft galt. Außerdem, und das ist noch bemerkenswerter, ist diese Festnahme – welche als eine Bombennachricht innerhalb des Brückenwiderlagers hätte einschlagen müssen – durch keinen einzigen der Offiziere erwähnt wurde, auch nicht durch den ersten Leutnant Teeckelenburg. Es scheint sich um einen typischen Fall von „Hörensagen“ und „Begierig glauben“ zu handeln, dass diesen mit Sicherheit engagierten Korporal  nötigte, diese Geschichte in seiner Biographie zu verarbeiten.

Der renommierte Autor Lt-Kol b.d. E.H. Brongers hat Lamm auch prominent in seinem Werk implementiert als unmittelbare Folge der Veröffentlichung von Wilson 1960. Aber sogar Herman Amersfoort und Piet Kamphuis haben Lamm in ihrer zweiten und überarbeiteten Staatsausgabe „Mei 1940 – Strijd op Nederlands grondgebied“ welche 2005 erschien, mit einbezogen.

In Franz Kurowski’s „Deutsche Fallschirmjäger 1939-1945“ – immer noch erhältlich – trägt Lamm wieder einen anderen Namen. Jetzt heißt er Hamm:

„Der in dieser Gruppe eingesetzte Leutnant Fritz Hamm, der 15 Jahre bei Moerdijk gewohnt hatte und das Gelände wie seine eigene Hosentasche kannte, sollte die Fallschirmjäger führen; er wurde aber direkt nach der Landung durch einen Karabinerschuss aus der nahegelegenen Kaserne im Dorf Moerdijk getötet.“

Es sieht ganz danach aus, dass diese leicht abweichende Version entweder aus derselben Quelle stammt wie die bekannte Fritz Lamm Geschichte hier im Lande, oder aus der MS Ausgabe von 1956. Wie Kurowski dann auf Hamm kam, ist ein Rätsel. Übrigens ist Leutnant Fritz Lamm auch nirgends registriert, was sich aus Nachforschungen durch Richard Schoutissen der Weltkriegsopfer herausstellte. Ein Hamm / Lamm / Lemm wird nicht durch einen Karabinerschuss, sondern durch einen Pistolenschuss aus der Kaserne getötet…Nebenbei ist der beliebte Franz Kurowski ein nicht unumstrittener Autor. Er ist bekannt wegen seiner mangelden Glaubwürdigkeit in Bezug auf Tatsachen und Details, vor allem in seinen jüngeren Werken.

Wolf im Schafsfell
In manchen Dokumenten seit 1940 ist der Deutsche Oberleutnant Lamm ein gern benutzter Statist geworden. Dieser Deutsche Offizier  – wenn auch keine erfundene Person – war bald das Symbol der Aussichtslosigkeit unserer Armee und kennzeichnete nicht nur die Naivität, sondern auch das rationale Übergewicht, dass die Deutschen auf allen Gebieten hatten. Mir nichts dir nichts kopiert jeder Autor das ursprüngliche „Wissen“ über Oberleutnant Lamm.

Der Wolf im Schafspelz – denn so wurde der Mann bezeichnet – ist ein Phantom, welches noch immer in kriegshistorischen Gewölben der Niederlande herumgeistert. Es ist die Auffassung des jetzigen Autors, dass dies nicht mehr lange so bleibt.

Die Deutsche Kriegsgräber Dienststelle kennt den Mann nicht. Weder als registriert begrabenen Soldaten noch als Vermißten. Auch keine Gräber und Namen mit vergleichbaren oder ähnlichen Daten. Der Volksbund kennt Lamm genauso wenig. Nachfrage bei Veteranen des FJR hat bis heute nichts ergeben.

Im Augenblick werden verschiedene Nachforschungen angestellt, um diese Angelegenheit zu verdeutlichen. Richard Schoutissen – tätig als niederländischer Mitarbeiter der Deutschen Kriegsgräber Dienststelle – arbeitet intensiv mit, um Spuren zu entdecken. Hugo van Dijk – FJR Experte aus Dordrecht – wendet sich an seine Kontakte innerhalb der FJR Welt. Letztendlich hat der Autor eine Anfrage bei der WASt eingereicht, der „Deutschen Dienststelle Gefallener der ehemaligen Wehrmacht“. Was das einbringt, wissen wir noch nicht und erfahrungsgemäß können die Ergebnisse einige Zeit auf sich warten lassen.

Am Ende hofft der Autor ihnen melden zu können, ob der Wolf tatsächlich einen Schafspelz trug oder dass dieser Pelz nie existierte – und möglicherweise der Wolf auch nicht…

Die Nachforschungen gehen weiter …
Bei der WASt wurde die Anfrage nach dem Hintergrund von Fritz Lamm eingereicht. Auch bei dem Bund Deutscher Fallschirmjäger [BDF] wurde nachgefragt. Bis heute gibt es keine Anzeichen, dass man Lamm gefunden hat. Traditionsgemäß muss man den WASt Bericht geduldig abwarten.

Aufgrund eines Hinweises von Pim Monné hat sich der Autor in der Zwischenzeit auf die Suche nach der Heiratsurkunde in der Gemeinde Zevenbergen gemacht. Dort fand der Autor tatsächlich die Heiratsurkunde von Friedrich Wilhelm Lamm – unterschrieben durch Fritz Lamm – der am 4. April 1924 Anna Margaretha Domen [geb. Roosendaal-Nispen 1904] heiratete. Lamm ist am 28. Juni 1900 geboren, Deutscher aus Rendsburg [Schleswig-Holstein, 30 km von Kiel entfernt]. Bei der Trauung war u.a. der Vater August Lamm anwesend, welcher von 1935 bis 1936 auch in den Niederlanden wohnte. Es ist auch auffällig, daß ein großer Teil der Familie Lamm in Zevenbergen registriert ist. Lamm hat fünf Kinder: August [unehelich, 1923], Franz [1925], Fritz [1926], Else [1929] und Johanna [1933]. August hat auch bei der Wehrmacht gedient. Seine Adresse in Zwartenberg war H.8.

Tatsache ist, dass der Rufname von Friedrich Lamm Fritz war. Friedrich Lamm versus Dietrich Lemm. Groteske Ähnlichkeiten in diesem Zusammenhang.  Lemm wurde allerdings in 1912 geboren, war also 1940 28 Jahre [an sich schon alt für einen Leutnant bei den Fallschirmjägern], während  Lamm zu dieser Zeit 39 oder 40 Jahre alt gewesen sein muß. Friedrich Lamm ist übrigens laut deutschen Gräberdaten ein großer Unbekannter…

Ein anderes auffälliges Detail ist, dass Vater August Lamm, der 1935 und 1936 ganz in der Nähe seines Sohnes in den Niederlanden wohnte, laut Familienstammbuch in Wangen an der Aare in der Schweiz, einen Steinwurf entfernt von Solothurn lebte. Die Firma Solothurn – was der Leser sicher weiß – wurde 1929 offiziell eine Tochterfirma vom Deutschen Rheinmetall. Diese Waffenfabrik wechselte nach 1919 u.a. in die Schweiz weil Waffenherstellung und schwere Metallindustrie wegen des Versailler Vertrages verboten war. Sofort danach suchten und fanden viele deutsche Arbeiter ihren Arbeitsplatz in angrenzenden Ländern. Die Schweiz wurde zum Walhalla für so manche deutsche Waffenfabrik. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Lamm senior sich schon kurz nach 1919  in der Schweiz niederließ, um der hochwertigen Metall- und Waffenindustrie sein Können zur Verfügung zu stellen.

[Post Scriptum]

Am 8. April 2008 kam eine Antwort von der WASt mit der Mitteilung, dass am 10.Mai 1940 weder ein Fritz noch ein Friedrich Lamm fiel. Das war keine Überraschung. Allerdings wurde wohl bestätigt, dass sein Sohn Fritz Lamm, geboren am 29. Mai 1926 (siehe Bild) in der Gemeinde Zevenbergen, als Soldat am 18. August 1944 im Verband 4./Grenadier-Regiment 986 bei Trune/Orne [Falaise] in Frankreich als vermisst gilt. Soweit bekannt wurde sein Leichnam bis heute nicht identifiziert.

Die Demaskierung
Nichts kann einen Historiker mehr erfreuen als das Durchschauen eines hartnäckigen – als Wahrheit angesetzten – Märchens. Und wir können von uns behaupten, dass uns das mit dem Märchen in Bezug auf die Beteiligung von Friedrich Lamm als Oberleutnant an der Spitze der Fallschirmjäger, die das Dorf Moerdijk am 10. Mai einnahmen, gelungen ist.

Nachdem der Autor den Inhalt in Bezug auf den Kampf in Moerdijk veröffentlichte und gleichzeitig ankündigte Nachforschungen über die Glaubwürdigkeit von Oberleutnant Lamm anzustellen, kamen einige Reaktionen. Am wichtigsten und hervorstechendsten war die von Pim Monné aus Breda. Pim ist historisch sehr engagiert und hat sogar ein bescheidenes Museum unter seiner Obhut. Er berichtete dem Autor, dass ihm durch Kontakte zu Ohren gekommen ist, daß Lamm im örtlichen Einwohnermeldeamt registriert wäre. Demzufolge durchsuchte der Autor das digitale Verzeichnis von Zevenbergen und fand tatsächlich einige „Lamm Mutationen“, unter anderen die originale Heiratsurkunde von Friedrich Lamm. Darauf standen alle Daten in Bezug auf Geburtsort und die vollständigen Taufnamen. Wichtige Hinweise für weitere Nachforschungen in Deutschland.

Der Autor kam selber schon durch Kontakte aus Deutschland und die angeforderden Nachforschungen der WASt zu dem Schluß, dass Friedrich Wilhelm Lamm auf jeden Fall nicht zu den registrierten Gefallenen der Wehrmacht zählte. Das sagte aber noch nicht genug, weil viele Eintragungen – auch von Mai 1940 – nicht vollständig oder nicht vorhanden sind.

Nur die digitale Datenbank der Weltkriegsopfer hatte offenbar einen „treffer“ beim Namen Fritz Lamm. Bei der Nachfrage wurde die Vermutung bestätigt, dass diese Eintragung auf Anregung eines niederländischen Historikers beruhte. Die Mitteilung des Autors, dass die Eintragung sehr wahrscheinlich unkorrekt war, war Grund genug, um die Nachforschungen sofort zu unterstützen.

Nachdem also Kontakt mit „Weltkriegsopfer“ aufgenommen wurde, war auch sofortiger Kontakt mit Richard Schoutissen, der als Niederländer für die deutsche Organisation fantastische Arbeit leistet. Richard war sehr hilfsbereit und machte sich mit den Daten sofort an die Arbeit. Er überprüfte die Einwohnermeldeämter von Rendsburg und Düsseldorf und nahm Kontakt mit Veteranen Verbänden auf, wo er aufgrund seiner Tätigkeit sehr gute Zugänge hat. Die Daten schienen schon schnell darauf hinzuweisen, dass Lamm tatsächlich nichts mit Moerdijk im Mai 1940 zu tun hatte.

Schließlich teilte Richard Anfang Februar 2008 mit, dass Friedrich Wilhelm Lamm in 1983 [24. September; Standesamt Düsseldorf Nr. 5973/19] in Düsseldorf verstorben ist. Ein besserer Beweis, dass Fritz Lamm nicht Oberleutnant am Kopf des Deutschen Verbandes in Moerdijk fiel, kann nicht geliefert werden. Übrigens stellte sich heraus, daß Lamm in beiden Weltkriegen als Mariner Dienst tat und mit der Land- oder Luftmacht nichts zu tun hatte.

Lamm hatte fünf Kinder, davon waren zwei [August und Fritz] auch bei Wehmacht. 1944 fiel Sohn Fritz Lamm an der Westlinie. Möglicherweise erreichte sein Versterben irgendwann die Gemeinschaft rundum Zevenbergen und angesichts seines Namens entwickelte und konservierte sich diese Geschichte.

Es gibt mehrere persönliche Daten und  inzwischen direkte Kontakte zum Sohn und Enkel von Friedrich Lamm. Um die Ergebnisse zu veröffentlichen, sind sie nicht bedeutungsvoll genug und der Autor entscheidet sich deshalb auch dazu, das Privatleben der Familie Lamm zu respektieren. Der Leser wird das dem Autor sicher nicht übel nehmen.

Die Hypothese der Entstehung und halstrarrigen Überlieferung von dem Schwindel in Bezug auf Fritz Lamm wird vom Autor folgendermaßen gesehen. Nachdem die Gefallenen bei Moerdijk durch den deutschen Arzt Hartmann registriert wurden, wurden sie zeitweise im Klostergarten begraben. Zweifellos waren die Gräber markiert und eine der Markierungen hat vermutlich  – in hochdeutschen Buchstaben – angegeben, daß da ein Leutnant „Dietrich Lemm“ lag. Das glich stark dem „Friedrich Lamm“, und so wurde wahrscheinlich ohne große Probleme der Schwindel, das rin ehemaliger deutscher Nachbar „Den Verrat von Moerdijk“ beging, ins Leben gerufen. Genauso wie wir Hunderte von örtlichen Erzählungen kennen, die historisch weder Hand noch Fuß haben, aber „gut laufen“. Solche Geschichten entstehen ganz schnell in Krisenzeiten und das Tamtam machte sie zu gern konsumierten örtlichen Sagen. Das Entschärfen von derartigem Betrug ist viel schwieriger.

Die wirkliche Geschichte von Leutnant Dietrich Lemm zeigt natürlich enge Parallelen mit der Überlieferung, welche Lamm als Kommandanten des deutschen Verbandes, die Moerdijk einnahmen, andeuten. Eher wurden diese Parallelen schon aufgetischt. Vollkommen klar ist jetzt, dass der in der niederländischen Literatur beschriebene Funktionär Oberleutnant Fritz Lamm in Wirklichkeit Leutnant Dietrich Lemm war, der als regulärer Offizier der Fallschirmjäger während des Kampfes mit den niederländischen Gegnern fiel und der nie in der Nähe gewohnt hatte. Ohne seinen Alter Ego Lamm wäre Lemm wahrscheinlich Teil der Gefallenen in den vielen Reihen geworden und nur als einziger gefallener Offizier des II./Fallschirmjäger-Regiment beim Kampf rund um die Brücken von Moerdijk aufgefallen.  Lamm ist zu verdanken, dass Lemm aus der Anonymität herausgekommen ist, und das laßt dann die positive Seite dieser Geschichte sein…

Ohne die umfassende und begeisterte Hilfe von Pim und Richard wäre der Weg der Demaskierung von Lamm viel schwieriger gewesen. Beiden Autoren sind wir zu großem Dank verpflichtet. Ein Beispiel von uneigennütziger Zusammenarbeit mit dem Ziel, kriegshistorische Geschehnisse ins rechte Licht zu rücken. Prachtvoll!