BN DeStem, Samstag 2. Mai 2009

Warum warst du nicht auf der Suche nach meiner Schulter? So heißt der Monolog, den das Theaterhaus „De Nobelaer“ am Sonntagabend 3. Mai in Etten-Leur aufführt. Sehr treffend kurz vor dem Totengedenk- und Befreiungstag.

Im Mittelpunkt des Theatermonologs stehen Erfahrungen, Suche, Fragen und Emotionen vom Bredaner Martin Reuser. Außerdem führt der engagierte Laienschauspieler den Monolog selber auf: Reuser spielt sein eigenes Leben. Denn er ist „einem Kind mit schlechten Eltern“, Sohn eines NSB (Nationalsozialistische Partei in den Niederlanden) Ehepaars aus Tiel.

Mitte Dezember führte Martin Reuser (68) mit dem Theaterhaus Zuid zum ersten Mal seinen Monolog auf. Beim Podium Bloos in Breda. Anfang des Monats spielte er eine erschütternde Vorstellung in Tiel, in jenem Ort in dem sich seine traumatische Jugend abspielte – in Anwesenheit einer seiner betagten Schwestern.

Nun gibt er sich zum vierten Male auf der Bühne die Blöße, in dem Theater, in dem er auch mit Sängerin Yvonne Frijters und Regisseur Jan Smeets sein Theaterstück eingeübt hat.

Mit einem Vater, der bei der NSB aktiv war und einer Mutter aus einer NSB Familie, die mit niederländischen Faschisten sympathisierten, verarbeitet Reuser in dem Monolog seine eigenen traumatischen Erfahrungen. Er hat erlebt, dass Kinder von „schlehjten Eltern“, mehr als sechzig Jahre nach dem Krieg immer noch eine vergessene Gruppe sind.

„Ich muß es sehr oft erläutern. Auch wenn etwas mehr Offenheit entstanden ist. Während es sich in den Niederlanden schätzungsweise um 50.000 Kinder von ´verkehrten Eltern´ aus dem zweiten Weltkrieg handelt. Eine halbe Million Menschen, die ihr ganzes Leben mit einem großen Geheimnis herum laufen. Ich will Außenstehende mit in diese Welt ziehen, in meine Welt. In meinen Kopf und den meiner Eltern. Auf meiner Suche nach dem warum. Die Wut, die in mir ist, auf meine Mutter, die nicht reden wollte, auf das lebenslange Verschweigen.“

Als er im Dezember vorigen Jahres seinen Monolog zum ersten Mal aufführte, wußte er nur, daß sein Vater Theo 1944 „irgendwo an der Front in Limburg“ gefallen war, im Kampf zwischen deutschen Truppen und sich nähernden Alliierten. Er hatte eine Geschichte von drei NSB Leuten gehört, die sich erst ordentlich betranken, bevor sie umkamen.

Erst vor zwei Jahren fand er das Grab seines Vaters. Auf dem deutschen Militär Friedhof im limburgischen Ysselsteyn. Aber er wußte immer noch wenig; auch in den Archiven des Roten Kreuzes und Kriegsdokumenten in denen er suchte, waren wenig oder keine Daten über seinen NSB Vater zu finden.

Die Veröffentlichung seiner Geschichte in dieser Zeitung brachte ihn auf die Spur seines Vaters.

Martin Reuser: „Ein Amateur-Historiker aus Deurne wendete sich an mich, er stellte zu ungefähr fünfhundert Soldaten, Alliierte und deutsche Soldaten Nachforschungen an, die während der kämpfe 1944 dort umgekommen sind. Er hat von 153 Soldaten den Hergang rekonstruieren können. Mein Vater war einer von ihnen.“

Vater Reuser starb am Sonntag, den 24. September 1944.

„An diesem Tag gab es tatsächlich in der Umgebung einen Vorfall mit drei betrunkenen NSB-Mitgliedern, aber mein Vater war nicht dabei. Er saß in einem deutschen Munitionswagen, der durch einen englischen Panzer verfolgt wurde. An einer Kreuzung war ihnen klar, daß sie es nicht schaffen würden. Mein Vater hat eine Gruppe Kirchgänger noch gewarnt, dass sie in dem Keller eines Hauses Deckung suchen sollten. Danach wurde der Munitionswagen getroffen und explodierte. Mein Vater wurde sofort bei dieser Kreuzung begraben und später auf den Soldatenfriedhof in Limburg umgebettet.“

Reuser hat sogar im NSB Blatt „Volk und Vaterland“ die Todesanzeige gefunden. „Es hat fünfzig Jahre meines Lebens bestimmt, jetzt erst kenne ich den wahren Hergang seines Todes. Ich bin (endlich) am Ende meiner Suche angekommen.“